Trauerredner spricht über seine Arbeit
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Foto: Adobe Stock/Seventyfour/privat
Nicht nur einmal hat Georg Rakutt es erlebt: Beim Besuch von Angehörigen eines Verstorbenen ist da häufig vor allem eines: Bedauern. Bedauern über Dinge, die man nicht mehr gemeinsam unternommen hat. Über die Reise, die man nicht mehr gemacht hat. All das, was man sich „für später“ aufgespart hat. Wovon man dachte, dass dafür noch ewig Zeit sein würde.
In seiner Tätigkeit als Trauerredner hat Rakutt unzählige Menschen und persönliche Geschichten kennengelernt. Nachdem er über 30 Jahre lang mit einer Werbe- und Eventagentur selbständig war, kam der heute 68-Jährige vor fünf Jahren erstmals mit dem Thema in Berührung. „Eine Freundin war schwer krebskrank und hat sich von mir gewünscht, dass ich die Rede für ihre Beerdigung schreibe“, sagt der Bad Wimpfener.
„Es gehört viel Empathie dazu“: Trauerredner aus Bad Wimpfen berichtet von seiner Arbeit
Seine Rede kam offenbar gut an – so hätten sich auch danach immer wieder Menschen mit Anfragen bei ihm gemeldet. Eine Ausbildung zum Trauerredner habe er nicht. „Es gehört viel Empathie dazu. Die Fähigkeit, auf andere Menschen einzugehen.“ Glücklicherweise verfüge er über diese Eigenschaft: „Ich finde sehr schnell Zugang zu den Menschen.“ Die Tätigkeit als Trauerredner machte ihm auf Anhieb Spaß. Als die Rente bevorstand und er seine Agentur verkauft hatte, entschied er sich: Er wollte diese sinnstiftende Arbeit gerne weiter ausüben.
„Man hört jedes Mal eine Lebensgeschichte. Und jede ist anders. Die einen haben den Krieg noch miterlebt, die anderen die Nachkriegszeit“, sagt Rakutt. „Die Dritten wissen gar nichts vom Krieg.“ Auch erhalte er Einblick in ganz verschiedene Lebensentwürfe.
Trauernden Trost spenden und die richtigen Worte finden
„Sie glauben nicht, wie facettenreich das Leben sein kann. Man ist ja doch immer sehr in seiner Bubble drin, trägt seine Scheuklappen.“ Bei ihm sei das nicht so. „Weil ich natürlich aus allen Blickwinkeln und Variationen verschiedene Leben erzählt bekomme. Lange Leben, kurze Leben, langweilige Leben, spannende Leben, tragische Leben.“ Nicht immer seien die Gespräche nur traurig. „Es wird auch gelacht, es kommen alte, schöne, auch witzige Geschichten hoch.“ Eine Ausnahme seien hier natürlich Todesfälle bei Kindern oder Suizide – das seien Fälle, bei denen es nochmal einen ganz anderen Umgang mit den Angehörigen brauche.
Die große Kunst sei es, sich immer auf die Angehörigen, denen man gegenübersitzt, einzustellen. „Ich muss die richtigen Worte finden für den Menschen, der verstorben ist.“ Ziel sei es stets, dass die Zuhörer in der Trauerrede Trost finden. „Dass sie am Ende aus der Bestattung rausgehen und einen versöhnlichen, würdevollen und schönen Abschied gefunden haben.“
Lebenserfahrung hilft dabei, sich in andere hineinzuversetzen
Eine große Rolle bei seiner Arbeit spiele auch seine eigene Lebenserfahrung. Gerade, wenn es um die Frage gehe: Wie ist jemand aufgewachsen? Dann sei es hilfreich, sich in die Zeit hineindenken zu können. „Ich bin selbst in den 60ern aufgewachsen.“ Dadurch könne er sich in viele Schilderungen der Angehörigen aus der Vergangenheit des Verstorbenen hineinversetzen und sich Situationen, die dieser zum Beispiel in seiner Kindheit durchlebt hat, konkret vorstellen.
Bevor er die Trauerrede verfasst, stattet Rakutt den Angehörigen in der Regel einen Besuch ab. Meist dauere ein Gespräch um die zwei Stunden. Während er zuhört, schreibt er alles von Hand mit. „Ich habe viele, viele Notizbücher vollgeschrieben“, sagt er. „Außerdem habe ich ein gutes Gedächtnis.“ Der Besuch der Angehörigen sei wichtig für ihn, da er in seiner Rede nicht nur „ein Lebenswerk herunterrattern“ sondern „den Verstorbenen als Menschen begreifen“ wolle. In ihrem häuslichen Umfeld seien viele Angehörige zudem eher bereit, sich zu öffnen, beginnen dann zum Beispiel Fotos des Verstorbenen zu zeigen. Auch die Musikauswahl wird im Vorgespräch gemeinsam getroffen.
Auch mal einen „Schmunzler“ einbauen – herausfinden, welcher Ton zu jemandem passt
Für das Verfassen der Rede brauche er dann etwa drei bis vier Stunden. „Die Trauerfeier selbst dauert meist circa eine Stunde, die Rede etwa 20 Minuten“, sagt Rakutt. „Das kann aber auch kürzer oder länger sein, je nachdem, was ich über den Verstorbenen erzählt bekomme.“ So habe eine Rede auch schon mal 45 Minuten gedauert. Wichtig sei es ihm bei den Gesprächen mit den Angehörigen immer, herauszufinden, welcher Ton zu wem passt, oder bei wem er auch mal einen „Schmunzler“ in die Rede einbauen könne. „Manchmal arbeite ich als Außenstehender vielleicht auch Aspekte heraus, die die Angehörigen selbst gar nicht so gesehen haben.“
90 Prozent seiner Anfragen erhält er über Bestatter aus dem Landkreis Heilbronn, mit denen er zusammenarbeitet. Ins Spiel kommt er immer dann, wenn die Angehörigen bei der Beerdigung keinen Pfarrer, sondern gerne einen freien Trauerredner dabei haben möchten. Viele seiner Klienten kommen auch auf Empfehlung zu ihm. Besonders schön sei es, wenn ihn nach einer Trauerfeier Worte der Dankbarkeit erreichen. So habe ihm zum Beispiel schon einmal jemand gesagt: „Sie haben meinen Partner noch einmal lebendig werden lassen.“ Ein älterer Pfarrer, mit dem er gemeinsam eine Beerdigung gestaltet habe, habe im Anschluss zu ihm gesagt: „Herr Rakutt, seit 60 Jahren bin ich jetzt im Amt und habe heute mal eine neue und für mich sehr schöne Erfahrung machen dürfen.“ Das habe ihn sehr berührt.
„Eher Berufung als Beruf“: Georg Rakutt hat mehr als 100 Trauerreden gehalten
Für Rakutt ist die Tätigkeit als Trauerredner „eher Berufung als Beruf“. Sich auf die Menschen einzustellen, herauszuarbeiten, wie jemand war und das ganze in die richtigen Worte zu verpacken – dass ihm das liegt, hat er in seinen bisher mehr als 100 Trauerreden gezeigt. Finanziell darauf angewiesen ist er nicht. Doch die Tätigkeit erfüllt ihn und die Rückmeldungen bestätigen ihn, dass er das Richtige tut. „Ich möchte es gerne so lange weitermachen, bis ich entweder sage: Mir fällt nichts mehr ein oder ich komme an die Menschen nicht mehr heran. Oder eben altersbedingt.“
Noch sei der Punkt, an dem er aufhören möchte, aber lange nicht gekommen. „Dafür bin ich viel zu neugierig – und möchte mir noch viele Leben erzählen lassen“, schmunzelt Rakutt.