Letzte Hilfe: Menschen am Lebensende begleiten
Nicola Hartung (links) und Petra Lutz vom Ambulanten Hospizdienst Heilbronn beim Letzte-Hilfe-Kurs im Haus am See in Böckingen. Foto: Sina Alonso Garcia
„In Deutschland ist der Tod oft ein Tabu-Thema, das man von sich wegschiebt“, sagt Petra Lutz, Leiterin des Ambulanten Hospizdienstes in Heilbronn. „Die meisten Menschen sagen: Das hat noch Zeit, das betrifft mich nicht.“ Manchmal komme man aber schneller mit dem Thema in Berührung als gedacht – sei es durch schwere Krankheit, einen Unfall oder betagtes Alter eines Angehörigen.
Im „Letzte-Hilfe-Kurs“ vermitteln Petra Lutz und ihre Stellvertreterin Nicole Hartung, wie man Menschen, die im Sterben liegen, einen möglichst würdevollen und selbstbestimmten Abschied bereitet. Der vierstündige Kurs richtet sich an Menschen, die in der Pflege tätig sind, Alltagsbegleiter und Privatpersonen, die ihren Angehörigen in schweren Stunden eine Stütze sein wollen. Von der Symptomerkennung über die Vorsorge und das Lindern von Leid bis zum Abschiednehmen: Der Kurs bietet Informationen zu allen wichtigen Fragen, die sich bei der Unterstützung von Sterbenden stellen.
Nicht nur körperliche Leiden, sondern auch existenzielle Sinnfragen
Einige Teilnehmer des Kurses, der diesmal im Haus am See in Böckingen stattfindet, arbeiten selbst in der Pflege und können aus eigener Erfahrung viel zum Thema berichten. Sie kennen die Anzeichen, die den Sterbeprozess einleiten: „Der Allgemeinzustand verschlechtert sich drastisch. Die Atmung verlangsamt sich, die Hautfarbe wird oft extrem blass, der psychische Zustand wird immer schlechter.“
Was im Kurs ganz deutlich wird: Zum Sterben gehören nicht nur körperliche, sondern auch starke psychische Leiden sowie existenzielle und spirituelle Sinnfragen, die sich Menschen am Ende ihres Lebens stellen. „Manche Sterbende betteln richtig darum, dass jemand bei ihnen bleibt. Andere wollen gar keine Nähe“, sagt Lutz. So oder so sei es extrem wichtig, die letzten Wünsche des Sterbenden zu respektieren und ihn zu nichts zu zwingen. Dazu gehöre auch, dass man den Menschen nicht zwanghaft füttere, wenn er es ablehne.
Praktische Übungen zwischendurch: Letzte-Hilfe-Koffer mit hilfreichen Utensilien
Zwischendurch wird es praktisch. In der Mitte des Kursraumes haben Lutz und Hartung einen Koffer aufgestellt, in dem man so einige Utensilien entdecken kann: Verschiedene Fläschchen wie Duftöle oder Mundpflegesprays, Handschmeichler oder eine Bibel. Eher unerwartet finden sich im Koffer auch eine Bluetooth-Box, ein aufgeschnittenes T-Shirt sowie je eine Flasche Cola, Red Bull und Sekt.
Lutz lässt die Teilnehmer zuerst selbst Vermutungen aufstellen, was es damit auf sich hat, dann löst sie auf: Musik könne den Sterbenden sehr gut tun. Über die Bluetooth-Box können zum Beispiel Klänge wie Meeresrauschen, Vogelgezwitscher oder beruhigende, meditative Musik abgespielt werden. „Wenn jemand eine bestimmte Musikrichtung mag, ist auch das nicht verkehrt. Man spürt sehr schnell: Tut die Musik meinem Gegenüber gut?“
Kalte Cola auf der Palliativ-Station: "Geht niemals aus"
Das aufgeschnittene T-Shirt sei mit dabei, da bettlägerige Menschen oft froh seien, sich nicht mehr umziehen und dabei körperlich anstrengen zu müssen. Unerlässlich auch: Eiskalte Cola. „Auf Palliativ-Stationen geht sie niemals aus“, sagt Lutz. Für viele schwer kranke Menschen, die vielleicht einen trockenen Mund haben und nur noch schwer etwas zu sich nehmen können, seien prickelnde Getränke ein echtes Geschmackserlebnis. Dazu gehören auch Sekt oder Wein.
„Unsere Patienten lieben es“, bestätigen die Workshop-Teilnehmer aus der Pflege. Über Mundpflegeschwämmchen können die Getränke im Mund aufgenommen werden, ohne dass der Patient aktiv trinken muss. Auch Brausepulver, „Zitro-Sticks“ oder selbstgemachte Lippenpflege aus Bienenwachs können bei den kranken Menschen für ein besseres Mundgefühl sorgen.
Sterbende durchlaufen verschiedene Phasen
Am Ende des Kurses geht es um das Abschiednehmen. „Die Schweizer Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross hat Interviews mit Sterbenden geführt und dabei festgestellt, dass jeder Sterbende mehrere Phasen durchläuft: Verleugnen – Verhandeln – in Kauf nehmen – tiefe Depression – keine Kommunikation mehr – Wut, Aggression – und schließlich Akzeptanz“, erklärt Lutz. Hier gelte es, für die Menschen da zu sein und Ängste zu nehmen.
Die nächsten Termine für den Letzte-Hilfe-Kurs sind der 7.10.2026 in Löwenstein und der 28.10.2026 in Sontheim. Weitere Infos gibt es unter www.hospizdienst-heilbronn.de.