Wie Angehörige Sterbende begleiten können
Anita Ereth (links) und Hannelore Häring wollen mit dem Letzte-Hilfe-Kurs den Teilnehmern mehr Sicherheit im Umgang mit Sterbenden geben. Foto: Klara Landes
„Spannenderweise stellen wir uns bei der Geburt und beim Sterben die selben Fragen“, erklärt Hannelore Häring den 13 Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Letze-Hilfe-Kurses in Kirchheim. Wohin wird es gehen, tut es weh, und wer begleitet mich? Nicht auf alle Fragen wird die Gruppe an dem warmen Donnerstagabend eine Antwort bekommen. Aber das Ziel sei es, eine gewisse Angst zu nehmen und Sicherheit zu geben, wie Anita Ereth es zusammenfasst. Solche Kurse gibt es deutschlandweit.
Gemeinsam mit Häring führt Ereth, Vorsitzende des ambulanten Hospizdienstes Neckar-Stromberg, durch die vierstündige Veranstaltung. Was lang klingt, ist schnell vorbei, gespickt mit persönlichen Erfahrungen – sensibel, aber ohne falsche Scham. Sie finde den Kurs rund um das Begleiten von Sterbenden wichtig, „um das Thema zu enttabuisieren“, sagt Ereth. Und um fröhlicher und leichter damit umzugehen.
Letzte Hilfe leisten: Kurs vermittelt Wissen und Tricks für den Umgang mit sterbenden Angehörigen
„Vielleicht ist das Thema Sterben für mich so präsent, weil ich in der mobilen Pflege gearbeitet habe“, erklärt Cornelia Lugert aus Freudental. Die 52-Jährige betont: „Sterben ist kein Tabuthema“. Es sei wichtig, dass es im Kurs Infos gibt und man merke, dass man nicht alleine dastehe. Mit ihren Eltern unterhalte sie sich darüber, wie es ist, wenn sie sterben und einer weg ist. Sie sei auch da, um sich selbst die Angst vor dem Sterbeprozess zu nehmen. Um dem Thema anders entgegen zu blicken, „etwas gelassener“.
Erste und Letzte Hilfe gehören zusammen, erklärt Ereth. Bei ersterer gehe es darum, das Überleben einer Person zu sichern. Bei zweiterer um die Linderung von Leid und den Erhalt von Lebensqualität. Es gehe um Palliativversorgung, „den Mensch in allen seinen Dimensionen wahrzunehmen“. Nicht nur körperlich, auch seelisch oder spirituell. Schmerz etwa habe nicht immer nur körperliche Ursachen.
Tod als Teil des Lebens: Letzte-Hilfe-Kurs in Kirchheim am Neckar vermittelt Wissen rund ums Sterben
„Wann beginnt der Sterbeprozess?“, fragt Häring in die Runde. Mit der Geburt, weiß eine Teilnehmerin. Es gibt jedoch Hinweise, an denen erkennbar ist, wenn sich ein Mensch seinem Lebensende nähert. Die Palliativ Care Fachkraft vom Robert-Bosch-Krankenhaus erklärt, dass darunter auch weniger Interesse an Mitmenschen und Umwelt, Essen und Trinken, Nähe und Sexualität fallen kann. Manch einer werde unruhig, es gebe Menschen, die wütend seien, weil sie noch nicht sterben wollen, erzählt Häring.
„Jedes Sterben ist anders, weil jedes Leben auch anders ist“, bringt Teilnehmerin Ursula Gärtner es auf den Punkt. Die 80-Jährige aus Kirchheim betont: „Das Sterben gehört zum Leben.“ Doch wie soll man als Angehöriger wissen, was zu tun ist, wenn jeder Sterbeprozess individuell ist? „Verlassen Sie sich auf Ihre Empathie“, sagt Häring. Und „bleiben Sie ehrlich“, ergänzt die 63-jährige Fachkraft aus Schwieberdingen. Lange nehmen Sterbende Emotionen wahr, dem solle man sich bewusst sein. Angehörige müssen nicht stark bleiben und dürfen auch weinen, sagt sie. Zudem können Sterbende noch lange hören, vielleicht sogar bis nach dem Tod, gibt Häring zu bedenken.
Palliativversorgung und Vorsorgevollmacht: Letzte-Hilfe-Kurs in Kirchheim am Neckar
Wie mit einem umgegangen werden soll, wenn man es nicht mehr selbst entscheiden kann, das kann nur vorab entschieden werden. Darum stehen auch die Punkte Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung auf der Kursagenda. „Es ist ja nicht nur so, dass es um Sie geht, es geht auch um die anderen“, verweist Ereth auf die Entscheidungen über Maßnahmen, die auf Angehörige abfallen können. Die 66-jährige Bönnigheimerin gibt auch Tipps zur medizinischen Versorgung.
Für einige neu ist die spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV). Erfahrene Fachkräfte und Ärzte unterstützen die Sterbenden und ihre Angehörigen daheim oder auch im Pflegeheim. Die SAPV ist zuständig bei einer schweren Symptomatik und wird von der Krankenkasse bezahlt.
Beim Letzte-Hilfe-Kurs dürfen die Teilnehmer auch selbst versuchen, wie sich verschiedene Hilfsmittel und Tricks anfühlen. Was ist bei einem trockenen Mund angenehm? Foto: Klara Landes
Praktische Tipps im Umgang mit Sterbenden: Austrocknen als natürlicher Prozess
Die Teilnehmer bekommen praktische Tipps an die Hand, erfahren, was im Sterben Linderung schaffen kann und testen auch selbst. Wie ist es etwa, wenn über die trockenen Lippen ein in Flüssigkeit getränktes Wattestäbchen gerieben wird? Schmeckt mir das? Denn eine wichtige Erkenntnis ist auch: „Der Mensch stirbt nicht, weil er nicht isst und trinkt, sondern er isst und trinkt nicht, weil er stirbt“, erklären Häring und Ereth.
Das ist etwas, das Roger Fell aus Freudental aus dem Kurs mitnimmt – das Austrocknen der Sterbenden ist gut für sie. Das hat der Körper so eingerichtet. Der 63-Jährige ist dabei, weil seine Mutter schwer krebskrank ist und er sie aktiv unterstützen möchte.
Am Ende gehen die 13 Teilnehmer teils ermutigt aus dem Kurs, andere brauchen noch Zeit, um ihre Gedanken zu ordnen, das Gelernte zu verarbeiten. „Es gibt kein richtig und falsch“, geben Ereth und Häring noch mit auf den Weg. Als Angehörige Sterbende zu begleiten, braucht wohl auch ein Stück weit Selbstvertrauen.