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Abschied im Hospiz

Das Leben vor dem Sterben so wertvoll wie möglich gestalten
Im Hospiz gehört der Tod dazu – Einblicke in eine sehr wichtige Arbeit

Nur noch wenige Wochen. Das war die Prognose im Frühjahr. Jetzt stehen bunte Herbststräuße auf dem Fensterbrett. Aus ihrem Garten, den sie wahrscheinlich nicht wiedersehen wird. Frau K. sitzt aufgerichtet im Bett, dirigiert mit leiser Stimme die Hand der Kunsttherapeutin. Gelbe und orangene Blumen entstehen. Um selbst die Kreide zu halten, fehlt der 68-Jährigen die Kraft. Die zierliche Frau wohnt seit April im Hospiz St. Martin in Stuttgart. Sie hat Krebs, ohne Aussicht auf Heilung.
Kommt da der Wunsch auf, zu sterben? Nein, sagt die Dame – ihre schlichte Antwort auf eine Gewissensfrage, die derzeit Politik, Kirche und Mediziner kontrovers diskutieren. Bis Mitte 2015 will der Bundestag über eine Reform der Sterbehilfe entscheiden. Es geht dabei um Selbstbestimmung am Lebensende, um das Verhalten von Ärzten und Betreuern oder um die Suche nach Rechtssicherheit. Und um die Frage, was passiert, wenn das Sterben unausweichlich ist.

Einfach nur für einen Menschen da sein – das ist gar nicht so einfach. Doch es ist eine ungemein große Hilfe auf dem letzten Lebensweg. Foto: Melpomene/Fotolia
Im Hospiz St. Martin gehört der Tod dazu. Das Haus ist ein moderner Bau mit hellen Räumen, großen Fenstern und farbigen Gardinen. Der klinische Geruch mancher Krankenhäuser fehlt. Die Atmosphäre wirkt nicht bedrückend, eher sind es die eigenen Gedanken. Jedes Jahr sterben etwa 100 Personen in der Einrichtung. „Wir begleiten Menschen auf ihrer letzten Lebensetappe“, sagt Leiterin Angelika Daiker. Sie arbeitet seit mehr als 20 Jahren in der Hospizbewegung und führt das Haus St. Martin seit seiner Eröffnung 2007. Insgesamt gibt es acht Betten, leer stehen diese selten.
Bundesweit gibt es nach Angaben des Deutschen Hospiz- und Palliativverbandes (DHPV) rund 200 stationäre Hospize und etwas mehr als 230 Palliativstationen in Krankenhäusern. Hinzu kommen etwa 1500 ambulante Hospizdienste. Das wichtigste Ziel sei, dass Menschen ihr Leben bis zum Schluss nach den eigenen Wünschen und Bedürfnissen führen können, sagt DHPV-Geschäftsführer Benno Bolze. Das gilt auch in Stuttgart: „Die Zeit des Sterbens ist kostbare Lebenszeit“, sagt Daiker. Dazu gehörten die ganz alltäglichen Dinge wie ein Stück Kuchen am Nachmittag, Musik oder ein Besuch auf der Dachterrasse. Und: Der Umgang mit dem nahen Tod sei für die Angehörigen oft schwieriger als für die Sterbenden selbst.

Die Diskussion über Sterbehilfe

Günter Killer hat seine Frau im April verloren. Sie litt an Amyotropher Lateralsklerose (ALS), einer Krankheit, die zu Nervenzerstörungen und Muskellähmungen führt. Rund fünf Monate nach ihrem Tod sitzt er wieder an der langen Kaffeetafel in St. Martin und erinnert sich: „Sie saß immer am Kopfende.“ Am Anfang habe ihm die Prognose ALS den Boden unter den Füßen weggezogen. Das sprichwörtliche tiefe Loch. „Meine Frau sagte irgendwann, das werde ich nicht aushalten, dann will ich in die Schweiz“, sagt Killer. In dem Moment habe er seine Werte neu überdenken müssen. Wäre das eine Möglichkeit, mit der er klarkäme? Am Ende war sie es nicht, das Paar entschied sich gegen Sterbehilfe im Ausland.
Auch Frau K. will leben. Jeden Tag kommt einer ihrer beiden Söhne vorbei, manchmal auch Freunde. „Das Gefühl, nicht allein zu sein, ist wichtig“, sagt die Schwarzwälderin. Sie schläft viel, Lesen ist zu anstrengend. Früher habe sie öfter mit anderen Gästen im Aufenthaltsraum vor dem Zimmer gesessen und geredet. Viele der Frauen seien mittlerweile verstorben. Die Verlusterfahrung ist Teil des Alltags im Hospiz. Dennoch: Der Wunsch „gebt mir was, ich will nicht mehr“ sei selten, sagt Daiker.
Das beobachtet auch Eugen Brysch von der Deutschen Stiftung Patientenschutz. Für ihn hat sich die Debatte um Sterbehilfe von der Realität entkoppelt. Menschen, die Suizidangebote etwa in der Schweiz nutzten, dürften nicht mit Schwerstkranken auf Hospiz- und Palliativstationen verwechselt werden, sagt Brysch. Wer sich zur Sterbehilfe entschließe, habe oft noch mehrere Monate oder Jahre zu leben. Im Hospiz seien es meist nur wenige Wochen. Meist.

Kleine Momente des Glücks

Frau Killer verbrachte am Ende fast zwölf Monate in St. Martin. Irgendwann habe er gelernt, damit zu leben, sagt ihr Mann. „Es wird offen gesagt, dass man hier nicht zur Heilung ist.“ Dennoch habe seine Frau immer Wert daraufgelegt, ordentlich angezogen und geschminkt zu sein. Bereits vollständig gelähmt wollte sie unbedingt noch neue, schickere Schuhe, erinnert sich der 67-Jährige. Vor der Realität fliehen könne man trotzdem nicht. Bei jeder Anfahrt zu dem Haus habe er an der Kreuzung nach oben zu einem schmalen Fenster geblickt, gesucht, ob die weiße Kerze brennt. Sie wird angezündet, wenn ein Gast gestorben ist.
In der Situation des Sterbens „einfach nur da zu sein“, das ist für Birgit Endres eine der Hauptaufgaben. Seit etwa zehn Jahren ist sie Koordinatorin und Einsatzleiterin bei den Tübinger Hospizdiensten. In Kliniken, Pflegeheimen aber auch Privathäusern betreuen die Helfer ambulant rund 60 Menschen. Die Angst vor dem Sterben habe viel mit dem Alptraum zu tun, nicht mehr selbstbestimmt leben zu können, sagt Endres. „Jeder möchte friedlich einschlafen.“
„Wir tun alles, damit das Sterben leichter wird. Aber wir tun nichts, um das Leben zu beenden“, sagt Daiker. Im Vordergrund stehe das Leben. So feierte einmal eine Frau ihren „Einstand“ in dem Stuttgarter Haus mit Sekt, Lachshäppchen und Hütchen. Es wurde getanzt, gelacht. Zehn Tage später war sie tot. Manchmal, sagt Daiker, sei es schwer, in den Urlaub zu fahren und nicht zu wissen, wer danach noch da ist. Zeit bekommt im Hospiz eine andere Bedeutung.

 

INFO

Tötung auf Verlangen ist in den Niederlanden oder Belgien erlaubt, die Schweiz lässt eine Freitodbegleitung zu. Auch in Deutschland soll Sterbehilfe rechtlich neu geregelt werden. Der Deutsche Hospiz- und Palliativverband lehnt gewerbliche oder organisierte Beihilfe zum Suizid ab. Hinter dem Wunsch nach einer vorzeitigen Beendigung des Lebens stünden oft andere Gründe wie Angst vor Schmerzen oder anderen zur Last zu fallen. dpa

 

Autor: Susanne Popp, dpa