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Gemeinsam ist man weniger allein

Kein  Einzelfall 
Edith Kallmeyer vermisst ihren vor 17 Jahren verstorbenen Mann sehr. „Wenn ich ausgehe, sehe ich oft so viele Paare. Fangen Leute an zu tanzen, werde ich nachdenklich und ziehe mich lieber zurück“, sagt die 81-Jährige. „In den letzten Jahren sind einige meiner Freunde gestorben. Verwandte habe ich nicht wirklich, in meiner Familie gab es fast nur Einzelkinder.“ Für den Vorstandsvorsitzenden des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP), Ralf Suhr, ist das typisch: „Insbesondere sehr alte Menschen über 80 mit starken gesundheitlichen Einschränkungen können von Einsamkeit stark betroffen sein.“ Denn häufig treffen mehrere Risikofaktoren zu – wie das Versterben von Angehörigen, Partnern und Freunden. „Gleichzeitig nehmen körperliche und geistige Einbußen statistisch gesehen zu. Teilnahme am gesellschaftlichen Leben wird schwieriger.“

Aktivitäten lenken ab 
Edith Kallmeyer unternimmt etwas gegen ihre Einsamkeit. Trotz ihrer fast 82 Jahre ist die Seniorin sehr aktiv. Jeden Tag eine Stunde Walking, „straffes Laufen“ nennt sie das. Die letzte Wanderung von 14 Kilometern liegt nur wenige Wochen zurück. „Ich werde oft auf 70 geschätzt“, sagt sie. Bis vor kurzem hat Kallmeyer auch viel ehrenamtlich gearbeitet. Und die Mutter von drei Kindern ist viel auf Achse: Wandern, Literaturkreise, Reisen, Themenabende der Bürgerstiftung und Volkshochschule, Besuche der Enkel und Urenkel, ein paar Ausgehabende. Es gibt viele Möglichkeiten, sich auch im Alter zu beschäftigen, findet Kallmeyer. „Nur, man muss sich auf den Weg machen“. Den Schweinehund überwinden. Ursula Lenz von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen (Bagso) erläutert, warum genau das oft schwerfällt: „Verluste jahrzehntelanger Beziehungen sind nur schwer zu verkraften und die Möglichkeit, neue Menschen kennenzulernen, sind eingeschränkt. Oft geraten Menschen auch in Einsamkeit, weil sie erwarten, dass andere auf sie zugehen.“ Ein Minimum an Eigeninitiative sei erforderlich, und Erwartungen müssen angepasst werden. „Nur selten treffen wir Menschen, die all unsere Wünsche auf einmal erfüllen.“ Laut einer Studie des ZQP leben über die Hälfte der Menschen mit Pflegebedarf und ambulanter Versorgung allein. „Alleinlebende Pflegebedürftige sind besonders gefährdet, sich einsam zu fühlen“, sagt Suhr. „Sie sind stark von Abhängigkeit, sozialer Isolation oder geringem Einkommen betroffen.“ Lenz bekräftigt: „Ein VHS-Kurs oder ein Theaterbesuch sind teuer. Es gibt auch günstige oder kostenfreie Angebote, aber von Altersarmut Betroffene schämen sich oft und ziehen sich zurück.“

Kinder kein Ersatz 
Keine gute Idee ist, sich an die Kinder zu klammern. „Wenn ich meine Kinder besuche, melde ich mich an. Sie haben schließlich auch ihr eigenes Leben“, sagt Kallmeyer. Lenz erklärt: „Kinder können nur begrenzt die Einsamkeit lindern. Sie können und sollen sich kümmern, aber die Eltern müssen auch selbst aktiv werden.“ Hilfreich sei es, mit anderen Menschen gemeinsamen Hobbys wie Reisen, Sprachen lernen oder Skatspielen nachzugehen. „Es gibt viele Seniorenbegegnungsstätten, Kirchengemeinden und Bildungseinrichtungen, die ein Angebot für Ältere haben. Auch Mehrgenerationenhäuser sind eine Option. Hier unternehmen sie gemeinsam mit jungen Menschen etwas.“ Anschluss gibt es an vielen Stellen, sagt Suhr: „Hier gibt es auch oft Fahrdienste. Auch Haustiere können Einsamkeit vorbeugen. Sie geben das Gefühl, gebraucht zu werden, können Nähe und Trost spenden, fördern die Beweglichkeit und Gespräche mit anderen Tierbesitzern.“ Manche Angebote sind schwer zu finden. „Hier können nicht nur Angehörige helfen, sondern auch Nachbarn.“

Autor: Maria Wokurka, dpa